Treffpunkt Boulevard Nr. 127
Auf unserer 50 Franken-Note
Im letzten Dezember stellte die Nationalbank die Entwürfe der neuen Banknoten aus. Nun werden sie ausgewählt und weiterentwickelt bis in einigen Jahren ein neuer Satz Schweizer Banknoten in unseren Händen zirkuliert. Scheine, die wir täglich in den Händen halten. Wissen wir aber, was und wer auf den heutigen Noten abgebildet ist?
Zum Beispiel auf der 50 Franken Note. Dort findet sich die einzige Frau im Notensatz: Sophie Täuber-Arp, eine vielseitige und interessante Person.
Sophie Täuber-Arp - Ihr Leben 1889 - 1943
Sophia Henriette Gertrud Täuber wird 1889 in Davos als Tochter einer Appenzellerin aus Gais und eines Preussen, der seine Ausbildung in der Apotheke der mütterlichen Familie machte, als Deutsche geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters - er stirbt, als die Tochter zwei Jahre alt ist, an Tuberkulose - nimmt die Mutter für sich und die Tochter wieder die Schweizer Staatsbürgerschaft an und zieht mit ihr nach Trogen. Dort, in der "Pension Täuber" die die Mutter aus eigener Initiative eröffnet und betreibt, wächst Sophie in der typisch appenzellerischen realitätsbezogenen Art auf. Zugleich aber atmet sie durch die Gäste aus vielerlei Ländern weltoffenes Flair.

1908 beginnt Sophie ihre Ausbildung an der Textilabteilung der Gewerbeschule St. Gallen und wechselt danach an die Debschitz-Schule in München und dann nach Hamburg. Sie bestreitet von da an ihren Lebensunterhalt als Kunsthandwerkerin. Kunst und Handwerk gehören eh für sie zusammen. Nebenbei beginnt sie eine Tanzausbildung.
Schweizerische Banknote
Die Sommer verbringt sie auf dem "Monte Verità" in Ascona, wo sie sich seit 1915 auch mit vielen anderen Künstlern, darunter Jean Arp, anfreundet. Von Jean Arp gibt es ein Bild "Die Tänzerin": "Für mich ist das die Täuberin - sie würde ihr Knie noch etwas mehr gehoben haben – und als nächstes hätte sie Wirbel gemacht." Sophie wird, während rings um die Schweiz herum der Erste Weltkrieg tobt, Lehrerin für Textiles Entwerfen an der Zürcher Kunstgewerbeschule, lebt jetzt auch mit Arp zusammen. In Gesprächen und Lebensart wird die Kunstrichtung "Dada" vorbereitet. Und zur Eröffnung der "Galerie Dada" 1917 tanzt dann auch "Mlle Taeuber/Costumes de Arp".

Vom Anti-Rationalen des Dada bleibt Sophie Täuber jedoch relativ unberührt. Nach den Worten Max Bills "war sie bestrebt, ihren Schülerinnen einen Begriff von den Problemen der Zeit zu vermitteln, so dass diese nicht ins sinnlos Kunstgewerbliche abglitten." Über den Kubismus baut die Künstlerin ohne Umweg an ihren Fundamenten weiter. Weiterhin sind Kontakt und Austausch mit Künstlern und Literaten sehr rege. Doch während Arp gemeinsam mit andern Künstlern versucht, das Dessauer Bauhaus umzukrempeln, ist es vor allem Sophie, die bemüht ist, den gemeinsamen Lebensunterhalt zu verdienen.

Im Oktober 1922 heiraten Sophie Täuber und Hans Arp im kleinen Tessiner Ort Pura. Den nächsten Sommerurlaub verbringen sie mit Kurt Schwitters und Hannah Höch auf der Insel Rügen. Sophie berichtet in einem Brief an die Schwester: "Hannah Höch kam fast direkt aus Meersburg nach Sellin, wo Arp und ich mit der Familie des grossen Merzschwitters schon waren ... der phantastische Merz, der im Meer seine Lautgedichte wie ein Meeresungeheuer brüllte und den Wald nach Pilzen durchraste." Immer wieder wird Sophies Wesen als praktisch, umsichtig und geschickt beschrieben.
1926 ziehen die Arps nach Paris. Von 1927-29 arbeiten die beiden Künstler an einem Auftrag zur Innengestaltung der "Aubette" in Strassburg, eines repräsentativen Baus im Zentrum der Stadt. Sophie übernimmt die Bauleitung. Sie reibt sich auf mit pendeln zwischen Zürich, Paris und Strassburg, ein Kuraufenthalt wird nötig. Sie verbringt ihn, lungenkrank, in Arosa. Mit dem Erlös aus dem Aubette-Auftrag bauen sich die Arps ein Haus in Meudon bei Paris. Sophie ist die Kreative und Initiative dabei.

Sophie Täuber und Jean Arp wurden in Paris Mitglied der Künstlervereinigung "Abstraction-Création". In dieser Zeit festigt sich auch ihre langjährige Freundschaft zu dem Malerehepaar Sonja Terk und Robert Delaunay. Wassily Kandinsky, der mit seiner Frau Nina nach Frankreich emigrierte, freundet sich mit den Arps an, Joan Miró und Marcel Duchamp gehören ebenfalls zu deren Freundeskreis.
Sophie Täuber-Arp
Jean und Sophie stellen nun vermehrt aus und schaffen sich eine feste Basis innerhalb der abstrakt-konstruktivistischen Avantgarde. 1936-39 wird so Sophie Täubers glücklichste und intensivste Arbeitsphase, sie schafft in dieser Zeit um die 117 Werke. Doch die Okkupation Frankreichs durch die Nazis folgt als grosse Zäsur und zwingt das Ehepaar wie viele andere, ihr Leben drastisch umzustellen. Auf der Flucht vor den Besatzern gewährt Peggy Guggenheim ihnen vorübergehend Obdach. Im südfranzösischen Grasse schafft sich das Paar zusammen mit Sonja Delaunay-Terk eine zeitweilige Arbeitsoase. Sophie Täuber ist trotz der dunklen Zeiten 1941 und 1942 weiter sehr kreativ. Als die Nazis auch in Grasse einmarschieren, retten sich die Arps in die Schweiz.
Ihr letztes Silvester und Neujahr 1942/43 verbringt Sophie im Hause Max Bills in Zürich-Höngg. Ein Rätsel liegt über ihrem Tod kaum zwei Wochen danach. Es herrscht Uneinigkeit, ob sie an den Folgen eines Verkehrsunfalls oder im Schlaf an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben sei.

Jean Arp, den sie immer liebevoll "mon peintre-poète" genannt hatte, schrieb ihrem Andenken ein anrührendes Gedicht:
Sophie
für dich
war die welt
nie dunkel
und zerklüftet
du schrittest mir voran
mit frohem glanz
und frohem schein
dein mut
zog hilfreich
in mich ein
du schirmtest
unseren traum
und jede stunde
hatte einen sinn
und einen sauberen saum
(Jean Arp, 1943)
Werke
Sophie Täubers Bilder, Collagen und Reliefs zeigen durchweg ihre klare, additive wie rhythmisierende Methode. Bewegte Linien, vertikal-horizontale Kompositionen aus Dreiecken, Rechtecken und – immer wieder – Kreisen, wellenförmige und geometrische Spannungselemente, in ihrer Mobilität ganz luftige Elemente bezeichnen ihre Stilgebung. Ihre bewusst stets einfacher werdenden Gestaltungsmittel erreichen ein sensibles Gleichgewicht von Farbe und Form. Wie bei Mondrian oder Vantongerloo ist in Proportion und Komposition ein meditativer Zug wahrnehmbar. Im Unterschied zu diesen und anderen Konstruktivisten wird die zur Objektivierung tendierende Arbeitsweise bei ihr stets durch eine tiefe Intimität der Farbgebung aufgefangen. Sie schämt sich der Weiblichkeit ihrer Werke nicht, stellt sie sogar heraus.

«Es war Sophie Taeuber; die mir durch das Beispiel ihrer klaren Arbeiten und ihres klaren Lebens den rechten Weg, den Weg zur Schönheit, zeigte. In dieser Welt bestehen Oben und Unten, Helligkeit und Dunkelheit, Ewigkeit und Vergänglichkeit in vollendetem Gleichgewicht. So schloss sich der Kreis.» Jean Arp

Vertikal-Horizontal-Kompositionen, 1915-1926
Um 1915 entstehen erste Textilarbeiten, Stickereien und Webereien als Flächenkompositionen, die nach streng vertikal-horizontalem Gefüge angeordnet sind. Bereits diese frühen Werke, ohne künstlerischen Anspruch und nicht vom Inhalt her konzipiert, sondern aus der Technik geboren, sind eigentliche Vorläufer der konkreten Kunst.

Dada Köpfe und König Hirsch, 1916-1918
Entscheidend für Sophie Taeubers späteres Schaffen sind ihr eigenes Konzept, aus dem Wesen des Materials heraus und der Technik zu gestalten, sowie das intellektuelle Programm der Zürcher Dadaisten. Was sie in der bildenden Kunst tut, vollzieht sie auch als Tänzerin bei den Dada-Soiréen im Zürcher Cabaret Voltaire. In dieser Zeit entstehen auch die Dada-Köpfe und die Marionetten. Sophie Taeubers Dada-Plastiken, birnenförmige, gedrechselte Köpfe aus Holz auf kleinen Sockeln, bunt bemalt als Profil- und Frontalansicht, sind ausgesprochen parodistische Porträts. Und sie haben die Doppelfunktion von Kunstobjekt und Gebrauchsgegenstand; sie sind Porträt und Hutständer zugleich. Vereinfachen, auf die Grundelemente zurückgehen und dann dem gegebenen Problem entsprechend neu konstruieren, lautet die Denkweise, welche die Arbeiten dieser Jahre bestimmt. Nach diesem Prinzip entwirft Sophie Taeuber 1918 auch die Marionetten für das tragikomische Märchen König Hirsch von Carlo Gozzi.

Sophie Taeuber-Arp hat mit ihrem Schaffen nicht nur das Kunstgeschehen der Schweiz und ihrer Zeit beeinflusst. Sie bereitete den Boden für die wichtigen Kunstströmungen unseres Jahrhunderts, die Konkreten, die seriellen Künstler und die Vertreter der Minimal Art, entscheidend vor.

Die 50er-Note
Das Porträt auf der Vorderseite der 50 Franken Note zeigt Sophie Täuber-Arp Neben dem berühmten "Dada-Kopf" sind Kreis-, Linien- und Rechteckkompositionen, wie sie die Rückseite der Note zeigt, charakteristisch für ihe Schaffen. Durch ihre Neuerungen zählt Sophie Täuber-Arp heute intern Kational zu den prägnantesten Gestalten der klassisch-modernen Kunst. Sie war eine der herausragenden abstraktenünstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Zu ihrem Werk gehören Malerei, textile Arbeiten, Plastiken und Reliefs. Tanz und Theater waren weitere wichtige Ausdruckformen der Künstlerin.
Theres Studer